Vorgeschichte – erzählt von Bewohnern der Kuppel
Bei uns sagt kaum jemand „Aurelia“. Das ist der Name, den Fremde auf Karten schreiben – sauber in Tinte, als wäre eine Stadt damit erklärt. Wir, die hier geboren wurden, nennen sie meistens nur die Kuppel. Nicht, weil sie uns einsperrt, sondern weil der Himmel über uns seit Jahrhunderten wie eine zweite Haut liegt: ein leises Schimmern aus uralter Magie, durchzogen von Leitlinien wie feinen Glasadern. Nachts kannst du daran sehen, wie Zauber wandern: helle Ströme, die sich an Knotenpunkten sammeln, als wären es Straßenlaternen in einem Regen aus Sternen.
Wenn du jetzt lächelst, weil dir das nach Märchen klingt: Wir lächeln mit. Nicht über die Magie, sondern darüber, wie selbstverständlich sie geworden ist. Bei uns brennt die Herdflamme mit Rune statt Feuerstein, und das Tor erkennt deinen Schritt, bevor du klopfst. Und trotzdem sitzen wir abends wie überall – zu viele Tassen, zu wenig Platz, zu viel Vergangenheit im Raum – und erzählen, weil Geschichten die einzige Art sind, Dinge zu tragen, die sonst zu schwer wären.
Diese Geschichte wird oft erzählt. Mal von der Bäckerin, mal vom Glockenwächter, mal vom Kind, das zu früh begriffen hat, dass die Welt nicht immer so bleibt, wie man sie kennt. Jeder erzählt sie anders, aber der Anfang ist fast immer derselbe: Mit dem Dorf.
Mit dem Dorf.
Hinter der Kuppel, jenseits der Terrassenfelder, liegt Graumoos. Ein Dorf, so alt, dass die Steine seiner Mauern aufhören, ein Alter zu haben, und stattdessen anfangen, eine Erinnerung zu sein.
Graumoos steht nicht auf Land – Graumoos steht auf einer Entscheidung. Vor vielen Generationen, noch bevor Aurelia die Kuppel zog, gab es eine Zeit, in der Magie roh und laut war. Man sprach sie nicht, man rang mit ihr. Die großen Häuser unserer Stadt (ja, wir hatten damals schon große Häuser, und ja, sie taten so, als hätten sie alles im Griff) setzten auf Struktur: Runenmatrizen, Schutzsiegel, Ausgleichsrituale. Graumoos dagegen entschied sich für etwas, das man bei uns bis heute mit einem Gemisch aus Respekt und Kopfschütteln erwähnt: Sie entschieden sich für Uralte Magie.
Das ist nicht einfach „alte“ Magie. Uralte Magie ist keine Technik, sondern eine Art, der Welt zu begegnen, wie man einem Tier begegnet, das größer ist als man selbst: vorsichtig, ehrlich, ohne den Anspruch, es zu besitzen.
Die Leute von Graumoos lernten nicht nur Sprüche und Zeichen. Sie lernten, wie Dinge passieren, bevor sie passieren. Sie hörten den Wind, bis er Wörter bekam. Sie beobachteten die Schatten, bis sie begriffen, dass Schatten nicht fehlen, sondern gehalten werden.
Und mit der Zeit wurde Graumoos berühmt – oder berüchtigt. Es hieß, dort gäbe es ein Archiv aus lebender Rinde, ein Brunnenwasser, das Erinnerungen zeigt, und ein Ritualkreis, der so alt sei, dass er nicht mehr „gezeichnet“ wirkt, sondern eher so, als hätte die Erde selbst ihn in sich hinein geatmet.
Das Wichtigste aber war etwas anderes: Graumoos bewachte ein Werk, das nur wenige wirklich verstanden.
Die Zeitfuge.
Die Zeitfuge ist kein Portal wie in billigen Abenteuergeschichten. Keine Tür im Stein, kein glühender Ring. Stell dir eher eine Stelle in einem Teppich vor, wo das Muster ganz leicht verrutscht ist. Wenn du nicht hinschaust, siehst du es nie. Wenn du es einmal gesehen hast, kannst du es nicht vergessen.
Unter Graumoos, tief im Grund, verläuft eine Linie aus uralten Strömen – wir nennen sie Adern. Sie tragen Magie, aber nicht die Magie der Sprüche, sondern die Magie der Möglichkeiten: was hätte sein können, was noch werden könnte, was gerade nur eine Idee ist. Normalerweise fließt das still und unsichtbar. Doch in Graumoos hatte jemand – vor sehr langer Zeit – versucht, diese Ströme zu bündeln. Nicht um zu reisen. Um zu retten.
Denn das ist die Wahrheit, die Graumoos nie laut sagte, aber die jeder spürte: Das Dorf war nicht besessen von Magie, weil es Spaß machte. Es war besessen, weil es einmal etwas verloren hatte, das es nicht akzeptieren konnte.
Manche sagen: ein Kind. Andere sagen: eine ganze Generation. Wieder andere behaupten, es sei ein Krieg gewesen, der nie in den Chroniken steht, weil er nicht mit Waffen geführt wurde, sondern mit Namen.
Wie auch immer – sie wollten einen Weg, der Vergangenheit noch einmal die Hand zu reichen.
Und so entstand die Zeitfuge: eine Technik, die keine Zeitmaschine war, sondern ein Riss im „Jetzt“, sorgfältig stabilisiert durch uralte Rituale. Ein Ort, an dem die Zeit nicht zurücklief, sondern seitwärts ging. Ein Ort, an dem man … Dinge erwischen konnte, die nicht hierher gehörten.
Wohlgemerkt: Man sollte das nicht. Nicht, weil es verboten war, sondern weil die Welt nicht ohne Preis zulässt, dass man sie wie ein Buch rückwärts liest.
Graumoos wusste das. Und gerade deshalb haben sie es bewacht wie ein Herz, das man nicht aufhören kann, schlagen zu hören.
Bis zu jener Nacht.
In Aurelia erinnern wir uns an diese Nacht nicht wegen eines großen Knalls. Sondern wegen der Stille, die danach kam.
Der Himmel über der Kuppel flackerte wie Glas, das kurz davor ist zu springen. Die Leitlinien leuchteten in Mustern, die keiner kannte. Unsere Straßenlaternen – ja, die echten, mit Kupfer und Glas, nicht die Runenfackeln – gingen nacheinander aus, als würde jemand eine Hand über sie legen.
Und weit draußen, wo Graumoos liegt, sah man einen einzelnen Lichtbogen, so dünn, dass man ihn fast für einen Stern halten konnte – aber er war zu nah, zu entschlossen.
In Graumoos hatten sie ein Ritual begonnen. Nicht heimlich, aber auch nicht mit Einladung. Es war eines dieser Rituale, bei denen man spürt: Jetzt wird etwas entschieden, das man später nur noch erzählen kann, weil man es nicht rückgängig machen wird.
Die Ältesten standen im Kreis aus Rindenstein. Die jüngeren trugen Schalen mit Wasser, in dem kleine Funken schwammen – gebundene Möglichkeiten. Die Luft roch nach nassem Moos und Eisen, wie vor einem Gewitter.
Es sollte ein Korrekturritual sein. Nichts Großes, sagten sie. Nur ein Nachziehen der Siegel. Nur ein Ausgleichen der Ströme. Nur eine Reparatur.
Aber Uralte Magie ist wie ein tiefes Tier: Wenn du seine Wunde berührst, kann es sein, dass es nicht nur still hält, sondern plötzlich aufsteht.
Ein kleiner Fehler genügte. Vielleicht war es ein falsch gesetzter Ton. Vielleicht ein Blick, der einen Herzschlag zu lange zögerte. Vielleicht ein Gedanke, der sich nicht an die Regeln hielt. Magie ist empfindlich gegenüber dem Inneren der Menschen, die sie sprechen.
Die Zeitfuge – dieses seitwärts offene „Jetzt“ – antwortete.
Sie spannte sich.
Und riss.
Kein Fenster. Keine Tür. Eher ein Schluckauf der Wirklichkeit.
Und dann fiel jemand aus der Zeit.
Er lag am Rand des Ritualkreises wie etwas, das aus einem Traum gefallen ist. Kein Rauch, kein dramatischer Auftritt. Einfach… da.
Er trug Kleidung, die keiner richtig einordnen konnte: Stoffe, die zu glatt wirkten, Schnitte, die zu praktisch waren, und an seinem Handgelenk ein Band aus schwarzem Material, das zuerst wie Schmuck aussah – bis es kurz aufleuchtete, als hätte es versucht, sich zu verbinden mit etwas, das hier nicht existiert.
Die Dorfbewohner sagen, das Erste, was ihnen auffiel, war nicht seine Kleidung.
Es war sein Blick.
Er schaute nicht wie jemand, der irgendwo gelandet ist. Er schaute wie jemand, der rechnet.
Wie jemand, der in einer Welt steht und sofort versucht, ihre Regeln zu finden: Lichtquellen, Fluchtwege, Zeichen, Hinweise. Wie jemand, der nicht glaubt, dass er träumt – und deshalb schnell sein muss.
Er richtete sich halb auf, verzog das Gesicht, als wäre ihm schwindlig, und sagte etwas, das später in unzähligen Versionen wiederholt wurde.
Nicht in unserer Sprache.
Ein paar Worte klangen wie abgebrochene Kanten: hart, kurz, fremd. Dann wiederholte er es langsamer, als würde er testen, ob die Luft hier anders trägt.
Und dann – das ist der Teil, den alle erzählen, weil er so seltsam ist – griff er nach seiner Tasche, holte ein flaches, dunkles Ding heraus, strich darüber und blickte irritiert drauf, als wäre es kaputt.
Ein Artefakt? Ein Werkzeug? Ein Spiegel ohne Spiegelbild?
Bei uns in Aurelia sind wir an merkwürdige Gegenstände gewöhnt. Aber selbst wir hätten in diesem Moment nicht gewusst, was das sein sollte.
Graumoos wusste es erst recht nicht.
Doch Magie wusste es.
Die uralten Siegel um die Zeitfuge begannen zu summen, nicht laut, aber mit einer Art Druck, der dir die Zähne „spüren“ lässt. Es war, als würden die Schutzzeichen sagen: Das ist falsch. Das gehört nicht hierher.
Die Älteste von Graumoos – man nennt sie in manchen Erzählungen Mutter Wyrd, in anderen Hagelin, in wieder anderen einfach die Alte – trat einen Schritt vor. Sie hatte diesen Blick, den Menschen haben, die in einer Sache so lange gelebt haben, dass Angst irgendwann nur noch eine Information ist.
Sie kniete neben ihm, legte zwei Finger an seinen Hals, spürte den Puls.
Und sagte: „Er lebt. Aber er ist… versetzt.“
Versetzt. Ein Wort, das du nur benutzt, wenn du weißt, dass es schlimmer ist als „verletzt“.
Was dann geschah, war kein großes Abenteuer. Es war etwas, das in echten Geschichten öfter passiert: Verwirrung, Misstrauen, Mitleid, Sturheit. Graumoos nahm ihn mit. Nicht aus Gastfreundschaft – aus Verantwortung. Wenn du etwas aus der Zeitfuge holst, kannst du es nicht einfach wieder wegwerfen. Uralte Magie ist keine Mülltonne. Sie merkt sich, was du ihr antust.
Der Fremde bekam Wasser. Er bekam eine Decke. Und er bekam Fragen, die er nicht beantworten konnte.
Er verstand unsere Worte langsam, schneller als normal. Manche sagen, das sei die Magie gewesen, die versucht hat, ihn „einzupassen“. Andere sagen, er sei einfach klug. Vielleicht beides.
Er nannte seinen Namen. Ein Name, der hier nicht vorkommt, in keinem Stammbaum, keinem Register. Er klang, als wäre er in einer anderen Welt geprägt worden: in einer Welt, in der Namen kürzer und schärfer sind.
Und irgendwann, als die Dorfbewohner versuchten, ihm zu erklären, wo er war, und er versuchte zu erklären, wann er war, wurde ihnen klar:
Der Fremde war nicht nur aus einer anderen Zeit.
Er war aus einer Zeit, in der Magie eine Legende war.
Er sprach von Dingen, die wir in Aurelia inzwischen kennen – aber anders. Er sprach von Netzen, in denen Informationen reisen. Von Satelliten, die über der Welt kreisen wie künstliche Monde. Von Städten, die nicht auf Adern, sondern auf Beton stehen. Von Maschinen, die rechnen, ohne zu denken, und von Menschen, die denken, ohne zu fühlen.
Manche von uns hätten das als Märchen abgetan. Graumoos nicht. Graumoos spürte, dass seine Worte einen Geruch hatten: den Geruch von Wahrheit, die zu schnell kommt.
Und dann, ein paar Tage später, passierte das, was wir in Aurelia als den eigentlichen Beginn der Katastrophe betrachten:
Er zeigte ihnen, was er bei sich trug.
Nicht als Drohung. Als Beweis.
Ein kleines Gerät, das Strom speicherte – wie auch immer er es nannte. Eine Lampe, die ohne Rune leuchtete. Ein winziges Stück Metall, so präzise gefertigt, dass unsere Schmiede es nur mit Lupe und Fluch bestaunen konnten. Und dieses flache Ding – sein „Telefon“, sagte er – das in unserer Welt so tot war wie ein Fisch an Land.
Und doch.
Als er es eines Abends wieder in der Hand hielt, nahe am Ritualkreis, flackerte der Bildschirm ganz kurz.
Ein einzelner, kalter Lichtstreifen.
Die Zeitfuge reagierte.
Als würde sie sagen: Ah. Das kenne ich. Das ist auch eine Art Magie. Nur ohne Namen.
In Aurelia tun wir gern so, als sei Graumoos schuld gewesen. Ein Dorf voller Spinner, die zu tief in uralte Dinge gegriffen haben. Das ist bequem. Schuld lässt sich gut tragen, wenn sie jemand anderes hat.
Aber wenn man ehrlich ist, war es nicht nur Graumoos.
Es war Neugier. Und Neugier ist keine Dorfsache, sie ist menschlich. Der Fremde – der Mann aus der falschen Zeit – wollte zurück. Natürlich wollte er zurück. Er hatte Dinge verloren, die er nicht einmal aussprechen konnte, weil er nicht wusste, ob wir die Wörter dafür haben.
Graumoos wollte verstehen. Natürlich wollte es verstehen. Sie hatten Jahrzehnte damit verbracht, ein Ding zu bewachen, das endlich zeigte, dass es nicht nur eine Legende ist.
Und dann gab es noch etwas Drittes, etwas, das in keiner Version der Geschichte fehlt:
Die Zeitfuge selbst wollte etwas.
Denn seit sie existierte, war sie ein gehaltenes Ungleichgewicht. Ein Riss, der nicht heilen durfte, weil man sonst seine Hoffnung verlieren würde. Ein Teil der Welt, der ständig gegen die Welt anspannte.
Als der Fremde kam, war das wie ein Stein, den man in eine gespannte Saite wirft. Plötzlich schwang alles.
Graumoos begann, heimlich zu experimentieren. Nicht aus Bosheit – aus dieser gefährlichen Mischung aus „wir sind schon so weit gekommen“ und „jetzt können wir nicht mehr aufhören“.
Sie versuchten, den Riss zu stabilisieren. Sie versuchten, den Fremden „anzudocken“ an seine Zeit. Sie zeichneten neue Siegel. Sie ergänzten alte Formeln mit Dingen, die er ihnen beschrieb: Frequenzen, Muster, Codes.
Ja. Codes.
Wir erzählen das gern mit einem Schaudern: Alte Runen, neben Zahlenfolgen, neben Diagrammen, die eher wie Schaltpläne wirkten als wie Zauberzeichen.
Magie, gemischt mit Modernem.
So, wie du es wolltest, wenn du unsere Welt beschreibst.
Und so, wie es nie gut endet, wenn man nicht genau weiß, was man tut.
Die zweite Öffnung der Zeitfuge war keine Wiederholung der ersten.
Sie war… wacher.
Der Ritualkreis leuchtete nicht mehr nur. Er wirkte, als würde er atmen. Das Wasser in den Schalen vibrierte. Die Luft wurde so dicht, dass Kerzenflammen spitz wurden, als hätten sie Angst, rund zu sein.
Der Fremde stand diesmal im Kreis. Graumoos hielt seine Hand. Nicht romantisch. Eher wie ein Griff, mit dem man jemanden am Rand eines Daches festhält.
Er sagte: „Wenn es klappt, bin ich weg. Wenn nicht…“
Er beendete den Satz nicht.
Denn in diesem Moment passierte das, was keiner erwartet hatte:
Die Zeitfuge öffnete sich – und statt einer „Tür“ wurde sie ein Spiegel, in dem nicht die Vergangenheit lag, sondern etwas, das uns ansah.
Etwas, das die Welt nicht wie eine Linie betrachtete, sondern wie ein Feld voller Wege. Etwas, das nicht fragte „wann“, sondern „wohin“.
Die Älteste schrie ein Wort, das so alt war, dass es im Mund weh tat. Ein Bannwort. Ein Schlusszeichen.
Aber es war zu spät.
Die Zeitfuge hatte nicht einfach eine Person geholt.
Sie hatte eine Verbindung geschaffen.
Zwischen einer Welt, in der Magie atmet, und einer Welt, in der Technik rechnet.
Und Verbindungen haben die unangenehme Eigenschaft, dass sie in beide Richtungen funktionieren.
Ein kaltes Licht – nicht unser warmes Runenlicht, sondern dieses sterile, harte Leuchten aus seiner Zeit – flutete den Kreis.
Und ein Geräusch, das nicht in die Ohren ging, sondern in die Zähne: ein Summen, als würde die Wirklichkeit selbst auf Resonanz geprüft.
Dann, für einen Herzschlag, schien die Kuppel über Aurelia weit entfernt – und wir spürten, wie etwas an ihr zog.
Die Kuppel hielt.
Aber sie knirschte.
Und irgendwo, tief unten, lachte etwas. Nicht laut. Eher wie ein Gedanke, der plötzlich weiß, dass er Platz hat.
Hier teilen sich die Erzählungen.
In manchen Versionen verschwand der Fremde. Einfach weg. Zurück in seine Zeit, und die Zeitfuge schloss sich, als wäre nichts gewesen.
Das sind die Geschichten, die man Kindern erzählt.
In den Geschichten der Erwachsenen bleibt er.
Er bleibt – aber nicht ganz.
Er kommt wieder zu sich, liegt auf dem Boden, atmet, lebt. Aber etwas in ihm ist… nicht mehr synchron. Als würde ein Teil seines „Jetzt“ noch immer auf der anderen Seite hängen.
Manchmal sagt er Wörter, die keiner versteht. Manchmal starrt er an die Wand, als würde er dort etwas sehen, das wir nicht sehen. Und manchmal, wenn er an bestimmten Stellen in Graumoos vorbeigeht, flackern Runen, die sonst nie flackern.
Er wird zum Beweis, dass man Zeit nicht anfassen kann, ohne dass sie zurückfasst.
Graumoos versucht, ihn zu heilen. Aurelia will ihn in Sicherheit bringen. Manche wollen ihn wegschaffen, aus Angst, er könnte ein Anker sein. Andere wollen ihn studieren, weil Wissen immer wie eine Ausrede klingt, wenn man gierig ist.
Und der Fremde selbst?
Er wird stiller.
Nicht weil er aufgibt, sondern weil er beginnt zu verstehen, dass sein Problem nicht nur „Heimweh“ ist.
Sein Problem ist, dass seine Existenz jetzt eine Frage ist.
Und Fragen ziehen Antworten an.
Seit dieser Nacht steht Graumoos nicht mehr ganz so, wie es vorher stand. Das Moos wächst schneller. Die Schatten sind manchmal zu lang. Tiere meiden bestimmte Wege, ohne zu wissen warum.
Und in Aurelia – in der Kuppel – haben wir neue Regeln. Nicht weil wir klüger geworden sind, sondern weil wir begriffen haben, dass wir nicht unverwundbar sind.
Manchmal, wenn es regnet, zeigt der Himmel über uns ganz kurz ein Muster, das nicht zu unseren Leitlinien passt. Ein Raster, wie aus einer fremden Architektur. Dann schauen wir alle hoch, als hätten wir gemeinsam denselben Gedanken:
Ist das noch unsere Welt?
Und dann erzählen wir wieder die Geschichte.
Damit wir uns erinnern, wo sie angefangen hat:
Sondern zwei Arten, die Welt zu biegen.
Und wenn du mich fragst, was das Mystischste an allem ist, dann sage ich dir etwas, das die Leute von Graumoos nur flüsternd sagen:
Die Zeitfuge ist nicht das Gefährlichste.
Das Gefährlichste ist, dass wir nach all dem immer noch wissen wollen, was uns damals angesehen hat.
Und ob es beim nächsten Mal wiederkommt.
Nicht zufällig.
Sondern, weil es gelernt hat, wie man die Tür findet.